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Konkurrenz in der Medienwelt hält den Standard hoch

Im STEIL-Interview spricht die ehemalige ORF-Moderatorin und Journalistin Hannelore Veit über ihre Zeit als Auslandskorrespondentin in Amerika, Fake News in der Medienwelt und ihre Pläne für die Zukunft.

Interview von Carina Hinterberger und Magdalena Möslinger-Gehmayr | Foto: Verena Moser Fotgografie

Einige unserer LeserInnen sind mit Ihnen als ORF-Moderatorin aufgewachsen – wie fühlt es sich an, im Leben vieler Menschen ein fixer Bestandteil des Alltags zu sein, ohne Sie jemals gesehen zu haben?

Manchmal habe ich das Gefühl, Menschen auf der Straße denken, mich persönlich zu kennen, und wissen nur nicht, wo sie mich einordnen sollen. Die meisten sind ohnehin eher zurückhaltend, aber wenn mich jemand anspricht, dann empfinde ich das meist als sehr positiv. Ich war auch immer sehr froh, dass mein Mann Franzose ist und wir unseren Urlaub in Frankreich verbracht haben. Dort war ich immer absolut anonym und das ist von Zeit zu Zeit durchaus angenehm. Aber auch in Amerika genoss ich die Anonymität sehr.

Im Laufe Ihrer Karriere haben Sie Ihren kühlen Kopf in angespannten Situationen mehrmals unter Beweis gestellt. Jahrelanges Training oder gibt es einen Geheimtipp?

Meiner Meinung nach kann man so einen Job nur machen, wenn man sich selbst zurückhalten und professionell bleiben kann. Mir fiel es vor allem dann schwer, wenn es um emotional belastende Themen wie z. B. um Gewalt an Kindern ging. Ich versuchte in solchen Situationen immer, mich nicht zu sehr mit der Thematik zu befassen und mich in den Pausen bewusst mit etwas anderem zu beschäftigen.

Was war Ihr bislang prägendstes Ereignis in Ihrer journalistischen Karriere?

Das prägendste Ereignis war mit Abstand 9/11. Ich habe damals die ersten Stunden der Livesendung moderiert, kommentiert, wie das zweite Flugzeug in das World Trade Center gekracht ist, die Türme eingestürzt sind und wie Menschen vor unseren Augen vom World Trade Center in den Tod gesprungen sind. Es waren Stunden, in denen ich gespürt habe, hier passiert etwas, das die Welt verändert. Um das wirklich zu verarbeiten, habe ich aber eine ganze Woche gebraucht. Als Moderatorin muss ich professionell auftreten, erst danach hat man Zeit, sich mit dem Ereignis wirklich auseinanderzusetzen.

Wir leben in einer Zeit, in der Verschwörungstheorien immer mehr an Boden gewinnen.

Vor allem Qualitätsjournalismus erlebt während der Coronakrise eine Blüte. Was bedeutet es Ihnen, als Journalistin das Vertrauen der Bevölkerung zu gewinnen und zur Aufklärung beizutragen?

Wir leben aktuell in einer Zeit, in der Verschwörungstheorien immer mehr an Boden gewinnen – das ist nicht erst seit Corona so. Corona stellt aber einen wunderbaren Nährboden für Verschwörungstheoretiker dar. Fakten- und datenbasierter Qualitätsjournalismus ist daher gerade jetzt extrem wichtig. Ich denke, diese Krise könnte den Journalismus allgemein wieder mehr an die Leute bringen und das Vertrauen in Qualitätsjournalismus stärken.

Gibt es Momente, in denen es Ihnen selbst nach zahlreichen Jahren Erfahrung als Journalistin schwerfällt, keine Partei zu ergreifen?

Ja, schon. Wenn jemand ständig lügt, kann man nicht neutral bleiben. Da ist es wichtig, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben.

Immer wieder liest man, dass zurzeit in Ländern die Berichterstattung eingeschränkt wird – so auch in Ungarn bei der derzeitigen Impfkampagne. Sehen Sie langfristig eine Gefahr für die Pressefreiheit?

In manchen Ländern ja, aber in Österreich und in den USA beispielsweise nicht. Meiner Meinung nach hat gerade die Wahl von Donald Trump den Medien wieder neue Motivation und Kraft gegeben, ihre Position als vierte Kontrollsäule des Staates noch stärker wahrzunehmen. Alle großen Qualitätsmedien haben in Washington, D. C. ihre Redaktionen mit der Wahl von Donald Trump wieder aufgestockt. Jetzt sind sie dabei, dies zurückzubauen, weil wir mehr oder weniger wieder in „normalen Zeiten“ sind.

Mit Ihrem Buch „USA – Stimmen aus einem gespaltenen Land“ ermöglichen Sie einen Einblick in die Gefühlswelt der AmerikanerInnen. Welche Entwicklungen und Veränderungen konnten Sie persönlich während Ihrer Zeit in den USA feststellen?

Amerikaner sind grundsätzlich sehr offene Menschen, aber sie trennen oft ihre politischen Anschauungen und persönlichen Kontakte, da es zu Konflikten führen könnte. Zurzeit gibt es ein starkes Schwarz-Weiß-Denken, welches auch durch Medien verstärkt wird. Menschen holen sich von Portalen gezielt jene Informationen, die sie hören möchten. Die Fronten verhärten sich somit immer weiter. Die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer, die Mittelschicht immer kleiner … das hat gesellschaftspolitische Konsequenzen.

Konkurrenz in der Medienwelt motiviert und hält den Standard hoch.

 

 

Thema Fake News: Welche Unterschiede sehen Sie zwischen der österreichischen und der amerikanischen Medienlandschaft?

In den USA ist die Medienlandschaft breiter aufgestellt und es gibt mehr Konkurrenz. Qualitätsmedien sind weniger verbreitet, als man denken würde. Vor allem in ländlichen Bundesstaaten hat das regionale Radio einen hohen Stellenwert und auch die sozialen Medien sind populär. In den letzten Monaten gab es jedoch einen Mehrbedarf an Digital-Abos von Qualitätsmedien. Dies könnte sowohl an Corona als auch an anderen Faktoren wie dem Sturm auf das Kapitol liegen.

In Österreich ist die Medienlandschaft hingegen sehr konzentriert. Der ORF dominiert die elektronischen Medien. Ein so weit verzweigtes Korrespondentennetz kann sich kein anderes Medienunternehmen leisten. Ausführliche Hintergrundberichte werden nur von einigen wenigen Qualitätszeitungen verfasst – bei den Boulevardzeitungen sieht das anders aus. Grundsätzlich würde ich mehr Konkurrenz befürworten – Konkurrenz motiviert und hält den Standard hoch. Auch für den ORF.

Präsident Joe Biden ist nun seit knapp drei Monaten im Amt. Er hat sich unter anderem zum Ziel gesetzt, die gespaltene Gesellschaft wieder zusammenzuführen. Wird ihm das gelingen?

Er sagt zwar, er will ein Präsident für alle Amerikaner sein, aber ich denke nicht, dass es ihm gelingen wird. Die fanatischen Trump-Anhänger wird er nie erreichen, aber auch bei den moderaten Republikanern muss er sich anstrengen. Was hat er bisher erreicht? Er hat ein großes Corona-Hilfspaket durchgebracht, das war wichtig, aber er hat es ohne die Stimmen der Republikaner durchgebracht. Er versucht gerade, ein großes und sehr notwendiges, Infrastrukturpaket zu schnüren, ob er da die Republikaner an Bord holen kann, ist zurzeit noch völlig offen. Er will auf Bipartisanship setzen, auf Zusammenarbeit mit den Republikanern, möglicherweise denkt er da zu optimistisch.

Wählen zu dürfen, ist ein Privileg.

Sie haben uns 2020 durch die US-Wahl geführt. Im Mai können auch Studierende in Österreich bei der ÖH-Wahl ihre Stimme abgeben. Was möchten Sie ihnen mitgeben?

Wählen zu dürfen, ist ein Privileg. Während meiner Zeit als Osteuropakorrespondentin oder auch in Asien habe ich erlebt, was es heißt, nicht wählen zu dürfen oder pro forma eine Stimme abzugeben. Auch wenn man sich für keine Partei entscheiden kann, sollte man jedenfalls zur Wahl gehen – selbst wenn der Wahlzettel schlussendlich leer bleibt. Jede Stimme zählt. Also zur Wahl gehen.

Seit Jänner 2021 sind Sie Alumni-Präsidentin der Universität Wien. Welche Ziele haben Sie sich für diese Tätigkeit gesetzt?

Mein oberstes Ziel ist es, den amerikanischen Universitätsspirit nach Wien zu bringen. Ein gut verzweigtes Alumni-Netzwerk und ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das auch nach dem Abschluss noch anhält, sind meiner Meinung nach noch zu wenig vorhanden. Daran will ich arbeiten.

Nach der Beendigung Ihrer Tätigkeit als ORF-Büroleiterin in Washington sind Sie heute als freie Journalistin, Moderatorin sowie Autorin aktiv – gibt es noch weitere Pläne für die Zukunft?

Corona war im Nachhinein betrachtet nicht die beste Zeit, mich als Journalistin selbstständig zu machen, aber ich arbeite mit meinem ehemaligen Kollegen Gerald Groß zusammen und das funktioniert super. Außerdem feile ich gerade wieder an einem neuen Buch, um Zweifel in der Gesellschaft aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten. Da Amerika ein wichtiger Teil meines Lebens ist, plane ich auch zukünftig, Themen rund um die USA in Reportagen und Dokumentationen festzuhalten.

Welche Tipps möchten Sie mit WU-Studierenden für den Karriereweg teilen?

Unbedingt ins Ausland gehen, Berufserfahrung durch Praktika sammeln und schlussendlich auf sich selbst hören – das, was man macht, muss einem auch wirklich Spaß machen.

 

Mag.a Hannelore Veit, MA (63) studierte American Studies an der University of Notre Dame in Indiana und absolvierte eine Dolmetscherausbildung an der Universität Wien. Ihre Karriere begann sie als Radiokorrespondentin im Osteuropabüro der Voice of America in Wien, später war sie Japankorrespondentin für den „European Business Channel“ in Tokio, ehe sie ab 1993 die „Zeit im Bild“ im ORF moderierte. Im Jahr 2013 übernahm sie die Leitung des Korrespondentenbüros in Washington, D. C. Seit Anfang 2021 ist sie wieder zurück in Österreich und als selbstständige Journalistin, Medienberaterin und Producerin sowie Präsidentin des Alumni-Verbandes der Universität Wien tätig.

Autorin
STEIL Magazin
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