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Wahlfreiheit hat oberste Priorität

Unsere große ÖH-Umfrage im März hat gezeigt, dass viele Studierende die Möglichkeit einer Campus-Rückkehr brauchen, und dass es keinen Zwang geben darf. Es braucht Lösungen, die den vielen diversen Lebensrealitäten und Bedürfnissen der WU-Studierenden gerecht werden.

Text: Max Ölinger & Johannes Matzer | Foto: ÖH-Vorsitzender Max Ölinger mit Rektorin Edeltraud Hanappi-Egger


Über ein Jahr ist Corona nun bereits ein Teil unseres Lebens. Die Pandemie beeinflusst unser aller Alltag massiv. Privat, beruflich und im Studium ist vieles von drastischen Einschnitten geprägt. Das Schlimmste daran: die Ungewissheit, wann es wieder Normalität geben wird.

Klar ist, auch mit Öffnungen für den WU-Campus werden die nächsten Wochen und Monate noch lange nichts mit  Normalbetrieb zu tun haben, es wäre aber eine Annäherung. Um eure Interessen in der Diskussion um eine Öffnung bestmöglich vertreten zu können, haben wir euch gefragt, wie ihr zu einem Zurück an den Campus steht.

Danke an die 1200 WU-Studierenden, die sich daran beteiligt und uns so ein breites Stimmungsbild ermöglicht haben. Das Ergebnis (im Detail auf unserer Website) zeigt ein sehr differenziertes Bild. Damit liegt auch auf der Hand, dass es keine „One-size-fits-all“-Lösung geben kann. Trotz der Distanzlehre bis zum Ende des Sommersemesters muss es Möglichkeiten für uns Studierende geben, wieder zurück an den Campus zu kommen. Für alle, die es brauchen!


Umfrageergebnis zeigt unterschiedliche Lebensrealitäten

50 Prozent von euch wünschen sich eine Rückkehr an den Campus, ebenso viele möchten weiterhin Distanzlehre in Anspruch nehmen. Während 46 Prozent der WU-Studierenden sogar eine durchgehende Maskenpflicht und Eintrittstest in Kauf nehmen würden, um wieder am Campus studieren zu können, funktioniert für 60 Prozent der Befragten die Onlinelehre grundsätzlich,
wenngleich sie den Austausch mit KollegInnen bzw. Arbeiten in der Gruppe als nur schwer realisierbar empfinden.

Erfreulicherweise gaben gut zwei Drittel der Studierenden an, dass Corona bei ihnen nicht zu einer Verzögerung des Studiums führt. Die 30 Prozent, denen es anders ergeht, dürfen aber keineswegs unter den Tisch fallen.

Einsamkeit und fehlender Austausch

In welch verschiedenen Lebenslagen sich die WU-Studierenden aktuell wiederfinden, zeigen uns die rund 600 Antworten auf die offene Abschlussfrage nach euren größten Belastungen. Wo ihr euch einig seid, ist der schwer verdaubare Verzicht auf die sozialen Kontakte bzw. den Austausch mit anderen Studierenden.

Zahlreiche Antworten dokumentierten dies deutlich und bestätigten dieses exemplarische Statement: „Ich vermisse das Campusleben extrem. Mit Studienkollegen zu diskutieren und sich auszutauschen sowie neue Leute kennenzulernen ist das, was das Studieren ausmacht und all das ist zurzeit nicht vorhanden.“ Daher wünschen sich nicht wenige: „Der Aufenthalt am Campus im Sinne von sich kurz sehen und austauschen – auch wenn mit Maske und Abstand – wäre toll!“

Die fehlende Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen, ist vor allem für Jungstudierende sowie Studierende, die neu in Wien sind, ein großes Problem. Der Aussage „Ich bin am Beginn des zweiten Semesters und kenne niemanden aus meinem Studium wirklich“, stimmen zahlreiche Studierende sinngemäß zu. Über 50 Prozent der Befragten fühlen sich sogar einsam, was von einigen alarmierenden Antworten unterstrichen wird. Neben den fehlenden sozialen Kontakten drückt aber auch die Monotonie auf die Psyche. Zudem leiden viele Studierende darunter, „keinen ruhigen Ort zum Lernen und keinen strukturierten Tagesablauf“ zu haben.

Bei einer Rückkehr an den Campus müssen daher als erstes Bib und Lernzonen geöffnet werden, in denen in Ruhe
gelernt bzw. der Austausch mit anderen gesucht werden kann.

Sinkende Qualität vs. mehr Fortschritt

Geteilter Meinung seid ihr bei den Auswirkungen auf die Qualität des Studiums. Viele können sich mit dem Selbststudium nicht anfreunden und haben das Gefühl, „komplett im Stich gelassen zu sein“. Studieren bedeutet für viele aktuell zusammengefasst: „Fehlende Sozialkontakte, endlose Bildschirmzeit, wenig Feedback an Vortragende, Motivationsprobleme, schwierige Gruppenarbeiten.“

Zudem werden Prüfungen oftmals als deutlich stressiger und härter empfunden. Zahlreiche Studierende vermuten, „viele Kurse kompensieren das Schummeln über und dadurch werden die Prüfungen oft wesentlich schwerer als in Präsenz“.

Viele Studierende sehen indes persönliche Vorteile. Insbesondere jene, die Studium und Beruf unter einen Hut bringen müssen, profitieren von neuen Online-Angeboten. Statements wie „Es ermöglicht mir, Beruf und Studium einfacher zu kombinieren“ oder „Ich komme zu Hause schneller voran und spare mir die Fahrzeit zur Uni“ kamen gehäuft vor. Einige gehen sogar so weit zu sagen, „Die derzeitige Situation ist für meinen persönlichen Studienfortschritt optimal“.

Gleichzeitig gibt es zahlreiche Studierende, deren Workload gestiegen ist oder für die die aktuellen Online-Angebote  nicht ausreichen. Hier zeigt sich auch, wie abhängig man als Studierender von der Motivation der Lehrkräfte, ihrer Technologie-Affinität sowie der grundsätzlichen Bereitschaft, qualitativ hochwertige Onlinelehre anzubieten, ist.

Uns geht es darum, dass jene Dinge, die gut funktioniert haben, ausgebaut werden. Wir setzen uns dafür ein, dass der Schwerpunkt auf hybride Lehrveranstaltungen gelegt wird, denn wir wollen nicht nur während Corona flexibel studieren können, sondern auch danach. Wir wollen selbst entscheiden, ob wir uns Vorlesungen auf der Uni geben, den Livestream zu Hause ansehen oder abends nach der Arbeit den Lecturecast. Die aktuelle Situation zeigt, welchen Mehrwert Online-Angebote haben können, sofern die Qualität stimmt.

Endlich Planbarkeit!

Ein absoluter Pain Point ist die fehlende langfristige Perspektive oder – wie es häufig formuliert wurde – das „mühsame Hin und Her“. „Der teilweise Wechsel zwischen vor Ort, hybrid, digital macht alles nur sehr schwer planbar.“ Was alle nervt, ist vor allem für Studierende, die sich um Wohnung bzw. Unterkunft kümmern müssen, eine Katastrophe: „Ich finde, dass die internationalen Studierenden ziemlich vernachlässigt werden, wir können nämlich nicht die ganze Zeit pendeln.“ Selbiges gilt teilweise natürlich auch für Studierende aus den Bundesländern.

Nicht zu vergessen ist zudem, dass wir uns immer noch in einer gesundheitlich angespannten Lage befinden und selbst Studierende zur Risikogruppe zählen können. Vor allem aber müssen viele mit der Ungewissheit leben und haben Angst, ihre Familie und Angehörigen im Falle von Präsenzzwang und einer verpflichtenden Rückkehr an den Campus in Gefahr zu bringen.

 

Öffnungsschritte nur mit Wahlfreiheit und ohne Verpflichtungen

Es kann in der aktuellen Situation daher nicht die eine Lösung geben. Wir Studierenden wollen, dass die Wahlfreiheit sichergestellt bleibt und dafür setzen wir uns als ÖH gerade an allen Fronten ein.

Wir fordern:


1. Die Rückkehr für jene, die es wünschen, ermöglichen, aber niemanden verpflichten.
2. Hybride Lehrveranstaltungen auch nach der Pandemie weiter ausbauen und damit die Flexibilität des Studiums
dauerhaft erhöhen.
3. Lernräume am WU-Campus einrichten und für Studierende zugänglich machen.
4. Die WU-Bibliothek auch am Wochenende öffnen.
5. Bestimmte Fächer und Studierendengruppen bei der Rückkehr in kleinen Gruppen an den Campus bevorzugen
(Studieneingangsphase, Studienabschlussphase, Master, SBWL).

 

 



Vergessen Sie uns nicht mehr!

Was unsere Umfrage auch zeigte: 74 Prozent haben das Gefühl, Studierende wurden in der Coronadebatte vergessen. Das darf einfach nicht sein! Unser Vorsitzender Max Ölinger hat die Umfrageergebnisse sowie die Anliegen der Studierenden und die genannten Forderungen mit in die Diskussion mit Rektorin Hanappi-Egger genommen, sie dort präsentiert und alle wichtigen Themen angesprochen.

Für uns ist ganz klar und wichtig: Bei einer Öffnung des Campus muss auf alle verschiedenen Lebenssituationen Rücksicht genommen werden. Die Personen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht an den Campus kommen können, sollen weiterhin die Distanzlehre in Anspruch nehmen dürfen. Auf der anderen Seite sollen die, die sich einsam fühlen, die den Campus brauchen oder wollen, die Möglichkeit haben, unter entsprechenden Sicherheitsmaßnahmen zurückzukehren.

Essenziell sind dafür ordentliche hybride Lehrveranstaltungen und eine Öffnung der Lernzonen. Wir sind uns sicher, dass diese Schritte notwendig sind, um unserem gewohnten Studierendenleben wieder einen Schritt näher zu kommen. Deswegen werden wir weiter dranbleiben, damit kein Studierender in der aktuellen Situation vergessen und benachteiligt wird.

Autorin
STEIL Magazin
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