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Bildung ist der beste Anlegerschutz

Christoph Boschan ist seit über drei Jahren Chef der Wiener Börse. Im Interview erzählt er uns, was sich in seiner Zeit als Vorstand verändert hat, welche Anreize geschaffen werden sollten, um die Börse für die Masse attraktiver zu gestalten und welche Rolle das Thema Nachhaltigkeit bei der Geldanlage spielt.

Sie sind seit über drei Jahren Vorstand der Wiener Börse. Was hat sich seitdem verändert?

Wir haben natürlich nach wie vor unsere alten Geschäftsgegenstände behandelt, aber auch neue Geschäftsfelder erschlossen. Am prominentesten sichtbar sind sicherlich neue Produkte wie die Einführung eines internationalen Aktienfonds. Darüber hinaus hatten wir zahlreiche Börsengänge, darunter den größten Börsengang der österreichischen Geschichte mit der BAWAG Group AG. Zusätzlich haben wir ein neues Zugangssegment für KMUs entwickelt, unsere Geschäftsfelder ausgebaut sowie diversifiziert und neue Börsen an unser Netzwerk angeschlossen. Beispielsweise konnten wir die Börse Zagreb vor zwei Jahren dazugewinnen. Darüber hinaus haben wir viele neue Indizes berechnet und unsere Öffnungszeiten ausgeweitet.

Was gefällt Ihnen an Ihrem Job?

Der Standort Wien und Österreich allgemein sind schon phänomenal. Aber auch die Freiheitsgrade bei der Gestaltung unseres Geschäfts sind wahnsinnig attraktiv.

Wie attraktiv erachten Sie die Bewertung österreichischer Aktien im Vergleich zu anderen Ländern?

Bei solchen Fragen bin ich immer etwas vorsichtig, wir stellen ja im Prinzip nur die Infrastruktur für diese Bewertung zur Verfügung. Die Bewertung selbst nehmen letztlich die Investoren durch ihr Orderverhalten vor. Diese Frage ist also eher bei den Banken und den Analysten richtig platziert. Generell kann ich aber sagen, dass die österreichische Dividendenrendite mit einem ATX-Schnitt von 3,5 % im oberen europäischen Drittel liegt. Vor allem die zahlreichen Geschäftsfelder österreichischer Unternehmen in den wachstumsstarken osteuropäischen Regionen sind nach wie vor sehr attraktiv.

Österreichische Aktien bieten eine Durchschnittsrendite von 5–6 % pro Jahr und sind somit langfristig die renditestärkste Anlageklasse. Trotzdem investiert nach wie vor nur ein minimaler Prozentsatz der ÖsterreicherInnen in Aktien – was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür?

Also erstmal ist das in Österreich genauso „schlimm“ wie überall in Zentraleuropa, wir haben eine direkte Aktionärsquote (Fonds, Aktien, ETF etc.) von ca. 8 %, ähnlich wie in den nördlicheren Nachbarländern. Natürlich würde ich mir für die Wohlstandsverteilung wünschen, dass mehr Menschen aktiv wären. Die Leute sind, glaube ich, so erdrückt vom wirtschaftlichen Geschehen, dass sie schon allgemeine Wirtschaftsfragen nicht interessieren, geschweige denn der persönliche Vermögensaufbau mithilfe von Aktien. Deshalb ist den wenigsten bewusst, welches mächtige Instrument ihnen da entgeht.

Deshalb fordern wir auch seit Jahren eine verpflichtende Wirtschaftsbildung in der Schule, um den Leuten gleiche Möglichkeiten und Chancen geben zu können.

Welche Anreize sollten geschaffen werden, um die breite Bevölkerung mehr für das Thema Börse oder speziell für die Altersvorsorge durch Aktien zu begeistern?

Der erste fundamentale Anreiz ist definitiv die Bildung in den Schulen. Bildung ist wie so oft im Leben die Basis für alles. Jeder Schüler sollte zumindest gehört haben, welche Alternativen es neben dem Sparbuch noch gibt. Finanzbildung sollte somit bereits zu Schulzeiten in sämtliche Lehrpläne integriert werden. Hier besteht im Vergleich zu anderen bildungspolitischen Bereichen ein immenser Aufholbedarf, Bildung ist der beste Anlegerschutz. Zweiter Punkt wären dann konkrete steuerliche Fragen: Beispielsweise eine KESt-Befreiung bei einer Haltedauer von mehr als ein, zwei Jahren, damit würden auch die investierenden und nicht die spekulierenden Hände unterstützt.

Bei der österreichischen Jugend nimmt das Thema Nachhaltigkeit eine immer größere Rolle ein. Ist bei jungen Menschen auch eine Tendenz in Richtung nachhaltige Geldanlagen erkennbar (z. B. grüne Fonds, Impact Investments etc.)?

Ja, diese Tendenz gibt es auf jeden Fall – sie ist richtig und wir befürworten sie. Wir würden sie als systemkonformes Mittel zur Transition zur CO2-freien Wirtschaft auch sehr begrüßen. Wer Gesellschaft gestalten möchte, hat mit Aktien somit ein super mächtiges Instrument in der Hand.

Am Finanzmarkt gibt es dazu auch zwei Möglichkeiten: Ein stimmberechtigter Aktionär kann auf der Hauptversammlung dem Vorstand Fragen stellen und ihm, wenn nötig, ordentlich die Leviten lesen. Denn der Eigentümer bestimmt die Firmenpolitik und der Vorstand ist lediglich der gewählte Vertreter der Aktionäre, muss also deren Willen berücksichtigen. Alternativ kann man in sogenannte Green Investments investieren, dieser ausgesprochen wichtige Finanzbereich wird sich noch in Zukunft stark weiterentwickeln, die Nachfrage nach diesen Produkten wird zunehmend größer.

Im europaweiten Vergleich hat Österreich eine der höchsten Kapitalertragssteuern. Für wie wahrscheinlich halten Sie eine KESt-Senkung in Österreich?

Wir denken da nicht in Wahrscheinlichkeiten, das steht uns nicht zu. Wir können nur dringend raten, solche Maßnahmen umzusetzen.

Wie bewerten Sie eine mögliche Finanztransaktionssteuer in Europa?

Das hat unmittelbar einen liquiditätsmindernden Effekt, das sieht man ganz klar an Frankreich und Italien, wo ein solches Modell bereits existiert.

Worauf muss man beim Aktienkauf achten?

Ich empfehle, nur zu kaufen, was man versteht oder sich erklären lassen kann, langfristig anzulegen, hoch diversifiziert und am besten mit einem Sparplan, in den man ständig investiert. Grundsätzlich stellen sich dabei meist drei Fragen, die sich leicht beantworten lassen.

Was soll ich kaufen? Alles – ein breitgestreutes Portfolio.

Wann soll ich es kaufen? Immer, wenn man Mittel hat.

Wie soll ich es kaufen? Möglichst billig über einen Fondsparplan, der regelmäßig in den Markt investiert.

Welche Karrieremöglichkeiten gibt es für WU-Absolventen bei der Wiener Börse?

Wir sind ein kleines Haus und speziell in unserer Tätigkeit. Natürlich bieten sich bei der Wiener Börse auch die üblichen Chancen, wie ein Einstieg in der Finanz-, Personal- und Marketingabteilung. Bei der Auswahl schauen wir sehr gerne auf bisherige Berufserfahrung, die man auch in unserem Haus im Rahmen von Praktika sammeln kann. Mein persönlicher Tipp ist, sich eine substanzielle Beschäftigung während des Studiums zu suchen – die Energie und Freiräume dafür sind meiner Meinung nach während der Studienzeit auf jeden Fall vorhanden.

Christoph Boschan ist seit September 2016 Vorstandsmitglied der Wiener Börse und ihrer Holding. Er war bereits für verschiedenste Börsen tätig, darunter die EUWAX AG und Börse Stuttgart Holding. Der gebürtige Deutsche promovierte im Börsenwesen an der Technischen Universität Chemnitz und hat einen Abschluss in Rechtswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Als CEO möchte er die Interessen der Börse, der gelisteten Unternehmen und ihrer Aktionäre durchsetzen. Das Handelsvolumen an der Wiener Börse stieg seit seinem Amtsantritt deutlich. 

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