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Wenn eine Architektin einen Goldschmiede-Betrieb übernimmt

Marie Boltenstern übernahm vergangenes Jahr den Goldschmiede-Betrieb ihres Vaters. Die Architektin denkt Schmuckdesign einen Schritt weiter und entwarf dieses Jahr die Opernballkrönchen.

Die Geschichte der Familie Boltenstern ist auch die Geschichte des Aufstiegs der Zweiten Republik. Erich Boltenstern Senior entwarf in den 50ern den Ringturm samt Wetterantenne am Donaukanal (bis heute das zweithöchste Gebäude innerhalb des Rings nach dem Stephansdom), Erich Boltenstern Junior war nach dem zweiten Weltkrieg für den Wiederaufbau der Staatsoper verantwortlich, sein Sohn Sven eröffnete dann 1956 den ersten Opernball im wiedereröffneten Haus am Ring.

Der damals 24-Jährige hatte zu diesem Zeitpunkt schon seine Goldschmiedelehre abgeschlossen und trat damit nicht in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters, sondern gründete mit Anfang 30 sein eigenes Schmuckatelier. In den 70ern hatte Sven Boltenstern zwar auch kurzzeitig eine Filiale am edlen Kohlmarkt, doch die starre Welt der damals noch sehr grauen Innenstadt war ihm zu eng. Er präsentierte seine Schmuckstücke lieber in den Grandhotels dieser Welt. Lange Jahre bevor das Wort „Pop-up-Store“ überhaupt existierte, reiste Sven Boltenstern mit den Koffern voller Preziosen zwischen Sankt Moritz, Monte Carlo und Palm Springs hin und her und zählte schließlich Größen wie Sean Connery oder Herbert Karajan zu seinen Kunden. Dieses Geschäftsmodell aus Charme, Verkaufstalent und Goldschmiedekunst erwies sich zwar als höchst erfolgreich – doch übertragbar war es nicht. Und so bestand die Marke Sven Boltenstern lange Zeit aus der Person Sven Boltenstern.

 

Marie Boltenstern, *1989
2011 Bachelor Architektur an der TU Wien
2012 Master in „Emergent Technologies and Design“ an der Architectural Association London
2014 Master Architektur an der TU Berlin
2015 Head of Design und Geschäftsführung Sven Boltenstern


Dies soll sich unter Tochter Marie nun ändern. Marie Boltenstern, die in alter Familientradition Architektur in Wien, Berlin und London studierte, hat Anfang 2015 die Agenden in der Hietzinger Werkstatt übernommen und arbeitet seitdem an der Neuausrichtung des väterlichen Lebenswerks. Ihre erste Tat im neuen Amt? Zuerst führte die 27-Jährige einen Jour Fixe ein, digitalisierte das umfassende Archiv und holte sich dann mit Margarita Ovsyaniker eine Geschäftspartnerin mit wirtschaftlichem Hintergrund an Bord. Gemeinsam kümmert man sich jetzt um die strategische Neuausrichtung des Familienbetriebs. Obwohl der persönliche Verkauf à la Vater Boltenstern in den Hotels dieser Welt weitergeht – derzeit etwa in Form einer Kooperation mit dem Hotel Sacher – wird an der Erschließung anderer Vertriebswege gearbeitet, vor allem im zuletzt vernachlässigten B2B-Bereich.

 

Sven Boltenstern, *1932
1956 Goldschmied Meisterprüfung
1956/1957 École des Arts Décoratifs in Paris
ab 1957 Juwelier bei k.u.k. Kammerjuwelier Hügler
1964 Gründung Atelier Sven Boltenstern


Auch bei der Verarbeitung geht man neue Wege, deren Wurzeln in der Studienzeit von Marie zu suchen sind. Die Wienerin fokussierte sich bei ihren zwei Masterstudiengängen unter anderem auf die geometrische Entwicklung organischer Strukturen und deren Übertragung auf die Architektur. Dieser Zugang wird nun auf Schmuckstücke umgemünzt und mithilfe von 3D-Technologie umgesetzt. Vorerst werden nur die Modelle am 3D-Drucker geprintet und dann händisch weiterverarbeitet – bald schon sollen die Produkte direkt aus den weltweit ersten metallverarbeitenden 3D-Druckern kommen. Diese bionischen Stücke sind derzeit vor allem Teil der neu eingeführten, etwas günstigeren Silber-Zweitlinie „Berlin Addict“. Der Name ist hier Programm, soll in der deutschen Hauptstadt doch das kreative Zentrum der Marke entstehen. Wie genau das aussehen wird, wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

 

Foto: (c) Boltenstern


Die Klassiker von Sven Bolten-stern, die seit Anbeginn des Unternehmens fast unverändert geblieben sind, bleiben aber weiterhin im Programm. Beispielsweise die überbreiten aus 18-karätigem Gold gearbeiteten Armreifen. Es sind „Signature Pieces“ mit hohem Wie-dererkennungswert, und doch ist jedes ein Einzelstück – sie werden händisch von einem der drei Goldschmiede des Hauses gehämmert. Zuerst das Archiv, dann die Verarbeitung – und auch vor der Vermarktung der Marke Sven Boltenstern macht die Digitalisierung logischerweise nicht Halt. Online-Kommunikation, Social Media – all das war vor dem Generationswechsel kein Thema. Mittlerweile ist man auf allen relevanten Kanälen vertreten und auch ein Web-Shop wurde eingerichtet. Vater Sven Boltenstern steht allen Neuerungen offen gegenüber und freut sich, dass sein Werk weitergetragen wird. Der mittlerweile 83-Jährige ist noch immer fast täglich im Atelier anzutreffen und steht mit Rat und Tat zur Seite. Auch wenn die Entscheidungsgewalt nun ganz in der Hand von Tochter Marie liegt – die wichtigste Bedingung, bevor sie sich für den Eintritt ins Familienunternehmen entschied.

Und so stammte auch ihr bisher öffentlichkeitswirksamstes Werk alleine aus ihrer (Computer-)Feder: Beim letzten Opernball entwarf Marie die Debütantinnenkrönchen und schaffte es damit sogar bis in die Vogue - 10 Jahre, nachdem sie selbst am Parkett der Staatsoper debütierte und 60 Jahre nachdem ihr Vater die vom Großvater wiederaufgebaute Staatsoper eröffnete. Und wie bei einem perfekt getanzten Linkswalzer schloss sich so der Kreis in der Architektur-Juwelier-Dynastie Boltenstern.

 

Foto: (c) Boltenstern


Rozet & Fischmeister


Auch bei Rozet & Fischmeister, ehemaliger k.u.k. Hoflieferant für Gold- und Silberschmiedewerke und Inhaber eines der wohl spektakulärsten Schaufenster am Kohlmarkt, gab es dieses Jahr einen Führungswechsel innerhalb der Familie. Anfang des Jahres übernahm Franz Fischmeister in sechster Generation die Geschäfte von seinem Vater Georg Fischmeister. Franz Fischmeister absolvierte, nachdem der zweite Berufswunsch „Formel1-Fahrer“ ad acta gelegt wurde, eine Lehre zum Goldschmied und ist überdies als studierter Gemmologe Experte für Edelsteine. Neben seiner Ausbildung arbeitete er für große internationale Marken wie Cartier, bevor er 2010 in die Geschäftsführung des Familienbetriebs, dessen Wurzeln bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen, einstieg. Er führt das Traditionsunternehmen ins digitale Zeitalter und entwickelt – ähnlich wie Marie Boltenstern – seine Schmuckdesigns vor allem am Computer. Die eingesetzte 3D-Software erlaubt es ihm, seine Entwürfe gleich fotorealistisch darzustellen. In seinen Designs versucht er vor allem, klassische Verarbeitungsmethoden neu zu interpretieren.


Rozet & Fischmeister ist jedoch nicht nur für Feinjuwelen bekannt, sondern auch für Tisch- und Gebrauchsware aus Edelmetallen. So stammt etwas das Siegel, mit welchem anno 1955 der Staatsvertrag bekräftigt wurde, aus den hauseigenen Werkstätten.

Peter Druckers Regeln für das Überleben von Familienunternehmen
1. Familienmitglieder arbeiten nur für das Unternehmen, wenn sie mindestens genauso fähig sind und genauso hart arbeiten wie Nicht-Familienmitglieder
2. Mindestens eine hohe Managementposition wird extern besetzt
3. An Schlüsselpositionen müssen spezialisierte Professionalisten sitzen
Peter Drucker (*1909-2005) war ein in Österreich geborener US-amerikanischer Ökonom und gilt als Begründer der modernen Managementtheorie.

Headerfotos: (c) Boltenstern

Autorin
Magdalena Hiller
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